Wie ich meinen ersten Personen Unfall erlebte

Inspiriert vom Kollegen @ThomasD83 der hier über seine Erfahrungen mit einem Schienensuizid berichtet, dachte ich mir es sei eine gute Idee meine Geschichte nieder zu schreiben. Zum einen um zu zeigen das nicht jeder P.U. ( Umgangssprache für Personen Unfall ) gleich abläuft, zum anderen um das ganze auch mal für mich aufzuschreiben. Den mit der Zeit verwaschen Erinnerungen, man dichtet neues hinzu, vergisst anderes. Das ganze wird eine sehr detailliere Aufzählung, für den ein oder anderen vlt. Zulange, die Kurzform: „Mensch Tot, 4 Wochen Krank geschrieben, heute soweit wieder auf dem Damm“ Die Langform gibt es dann auf den nächsten Seiten.

Auch ich bin nicht der super Aufsatz Schreiber, ich versuch das hier so gut wie es geht nieder zuschreiben, habt aber bitte Nachsicht mit mir.

Meine Kurzausbildung zum Triebfahrzeugführer liegt gerade 3 Monate zurück, Abgeschlossen im Dezember. Die Ausbildung, auch wenn sie in der Presse und gerade bei älteren Kollegen zerrissen wird, war sehr gut. Man merkt hier und da das man bei einem ehem. Staatsbetrieb arbeitet den bis dann alle Papiere da waren und man endlich selbst fahren durfte war Mitte April.

Juni, ein Freitag, der letzte Tag vor einem der ( wie ich mittlerweile weiß ) seltenen 3Tage-Wochenenden im Jahr. Nach nun 2 Monaten Praxis Erfahrung läuft alles locker von der Hand, die Arbeit macht Spaß und man ist voller Motivation. Meine Frau ruft an, der Nachbar habe für morgen eine größere Feier angekündigt ( er wird 30 ) und bittet um Verständnis, es würde den ganzen Tag bis spät Abends laut werden.

Nach kurzem Gespräch mit dem Einteiler darf ich morgen, am eigentlich freien Tag, von 13:30 bis 0:15 arbeiten und umgehe so die Feier meines Nachbars.

Samstag:

15-20°C, stark bewölkt. Hier und da schaut mal kurz die Sonne durch. Ich bereue es nicht mich für heute gemeldet zu haben, das Wetter ist eh kacke.

41005232

( Bhf Idar-Oberstein )

Also löse ich gegen 13:30 den Kollegen in Idar-Oberstein ab, es geht mit der Regionalbahn nach Mainz. Fahrzeug ist die Baureihe 628, bis heute mein Lieblingsfahrzeug. Die RB hat schöne Fahrzeiten, man muss nirgends hetzen, hat an jedem Bahnhof Zeit, für eine Reisgruppe mit Fahrräder z.B.. Eine schöner Einstieg in den Tag.

staudernheim30.10.119urz(Bhf Staudernheim, Blickrichtung Booser Tunnel)

~14:20Uhr mittlerweile bin ich in Staudernheim angekommen, alles läuft nach Plan, das Ausfahrsignal zeigt Grün, und in ca 1km Entfernung ist schon der Booser-Tunnel mit 424m länge zu sehen.

87223690(Einfahrt Booser Tunnel Richtung Bad Münster)

Im Tunnel gibt es einen Gleisbogen (Kurve). Man kann bei der Einfahrt nicht den Ausgang des Tunnels sehen, selbst bei strahlendem Sonnenschein ist es dort in der Mitte bei einer normalen durchfahrt mit den Erlaubten 100km/h Dunkel wie die Nacht. Fernlicht hat mein Zug nicht. Die Lichter haben die Helligkeit eines PKW-Standlichts.

Der folgende Absatz misst Zeitlich im gesamten maximal 2sek.

Nun den, Leistung auf geschaltet, wenn der 628 normal beschleunigt hat man in der Mitte des Tunnels seine 100km/h erreicht, also kurz den Blick aufs Tacho schweifen gelassen, jep 98km/h. Leistung wieder zurück genommen und wieder nach vorne geschaut. WTF!!!! EIN GESICHT? – IM TOTAL DUNKLEM TUNNEL!!!! Das Führerbremsventil wird auf Schnellbremsung gerissen, die Linke Hand geht auf den roten Knopf am Funkgerät. Bei 100km/h ertönt ein knall. Das Geräusch was man hört ist vergleichbar mit einer Fest zugeschlagenen Blecherden Autotür eines Autos aus den 80er. Es folgt, Schottersteine die von unten an den Zug gewirbelt werden….

Der Zug rollte (bremst) aus, während dessen wird der Nothalt Auftrag abgegeben.

Achtung Betriebsgefahr, alle Züge zwischen Staudernheim und Bad Münster sofort anhalten.

Ich wiederhole:….“

Die Ausbildung ist erst kurz her, alles sitzt noch wie im Simulator gelernt. Wir haben gelernt den Notruf abzusetzen, dann aufzulegen und zu warten das der Fahrdienst sich meldet. Soweit die Theorie. Das Funkgerät jedoch hängt sich auf. Genau das was man in so einer Situation braucht. Ich höre den Fahrdienst wie er versucht mich zu erreichen, höre im Hintergrund das Gespräch mit dem benachbarten Fahrdienst.

Fahrdienst B: Was den los?

Fahrdienst A: Keine Ahnung, der TF antwortet nicht, hat sich aber nicht gut angehört.

Der Zug bliebt glücklicherweise passende hinter dem Tunnel Ausgang stehen, also Handy raus und Versucht die Telefonnummer raus zu suchen. Mit stark zitternden Händen, ich vermute aufgrund des Adrenalins, scrolle ich durch das Telefonbuch als ich hinter mir höre

Entschuldigung…. wir fahren doch weiter? Ich werde in Bad Kreuznach abgeholt und da wartet jemand auf mich“

Ich raune kurz aber bestimmend zurück: „Hinsetzen, ruhig sein.“

Wir hatten während der Ausbildung 2 Tage Besuch von einer Psychiaterin , in diesen 16h wurde das gesamte Thema PU abgehandelt. Was ist zu tun, was sind meine Rechte, was meine Pflichten. Etwas essentielles war „Gehen Sie nur raus und schauen nach wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Es bestehe keine Rechtspflicht ihrerseits Erste Hilfe leisten zu müssen, bleiben Sie auf dem Führerstand und warten Sie auf Rettungskräfte.“ Der Hintergund, so sagte sie ist, Töne und Bilder kann das Gehirn besser verarbeiten wie Gerüche. „Sie wollen nicht wissen wie es riecht wenn jemand mit der heißen Bremsanlage eins wird“.

Endlich bekomme ich den Fahrdienst per Handy dran,

Ich: Hier Zug 12345, der Nothaltauftrag war von mir, ich habe etwas im Booser Tunnel überfahren, was es war kann ich nicht sagen, es war sehr hoch/groß und ich meine ein Gesicht gesehen zu haben

Fahrdienst: *grummel* auch das noch. – Warst du gucken?

Ich: Nein.

FDL: Dann geh mal gucken und sag mir Bescheid.

Ich: …. ähm nein, ich geh da nicht raus. Außerdem sehe ich im Tunnel eh nichts mit meiner billig Taschenlampe.

FDL: Dann muss ich die Strecke sperren, den Notfallmanager und die Rettungsstelle alarmieren.

Ich: (Nach ca 5sek Bedenkzeit und leichtem Nötigungsgefühl) Mir egal, ich geh nicht.

FDL: Alles klar. Wo war das nochma? Booser Tunnel?

Ich: Jawohl, Booser Tunnel. Ich versuche in der Zeit das Funkgerät zu reseten damit der Notruf endet.

FDL: Ok.

Es sind nun ca 5min seit dem Aufprall vergangen, ich stehe alleine am Arsch der Welt links geht’s den Berg rauf, rechts Gebüsch. Das Reseten vom Funk brachte leider kein Erfolg. Ich laufe an das andere Ende vom Zug, im inneren, um das komplette Fahrzeug aus und wieder ein zu schalten. Es vergehen rund 5min, aber es hat funktioniert, der Funk ist wieder normal. Beim durchlaufen meckert der nächste Fahrgast in einem gebrochenem Deutsch. „hab ich Termin, machst du Tür auf ich laufe weiter“. Leicht gestresst raunt es diesmal etwas heftiger aus mir raus das er sich hinzusetzen hat, eine junge Frau springt auf und sagt im lauteren Ton „das würd ich auch sagen, wo wollen sie hier überhaupt weiter laufen“.

Auf dem Weg zum Führerstand zurück bekomme ich mit wie zwei ältere Frauen sich unterhalten „ich fahre ja schon 20jahre bahn, aber so einen Lärm hab ich noch nie gehört“. ( Es muss wohl hinten, wo kein Drehgestell unter den Sitzen ist sondern nur das Bodenblech noch lauter gewesen sein )

Im Führerstand angekommen, mach ich meine erste Ansage Richtung Fahrgäste, es sind zum Glück nur rund 20 Personen. „Wir haben etwas überfahren, da es im Tunnel war und ich nicht weiss was, müssen wir auf die Feuerwehr warten. Bitte bleiben sie im Zug, ich halte sie auf dem Laufenden.“

10min sind vorbei, der Motor ist aus, die Fahrgäste ruhig, stille. Ich komme das erste mal kurz zur Ruhe. Um mich vor weiteren „Anschlusszüge fragen“ zu schützen schließe ich die Führerstandstür und mach den Vorhang zu.

Gedanken gehen durch den Kopf. „wow, 2Monate gefahren und schon deinen ersten, fängt ja super an“ – „das war ein Mensch… du hast eben einen Mensch getötet“ – „…“ – Ich fing mächtig an zu heulen, keine Ahnung warum, es war nicht die Trauer um die Person, es war einfach so.

Das Telefon klingelt, mittlerweile sind rund 15min vergangen. Die Leitstelle, ein kurzes und nüchternes wie/wo/was Gespräch, ich versuche meine Heulerei zu unterbrechen.

20Minuten sind vergangen, immer noch keine Hilfe in Sicht. Wissend wie die nächsten Stunden wahrscheinlich ablaufen würden musste ich jemand organisieren, die Wahl viel auf meine Frau.Arbeitskollegen meiner Frau werden mir später erzählen das meiner Frau wie in einem schlechtem Film die Farbe aus dem Gesicht gefallen ist. Ich bestelle sie Nachhause und sagte sie solle dort auf mich warten.

Mittlerweile sind wir bei Minute 30 nach dem PU. Weiterhin keine Hilfe in Sicht, ich hab mich Gefühlstechnisch wieder gefangen, fange sogar an mich zu langweilen und schaute was auf Twitter so los war.

Die Worte des FDL kommen wieder ins Gedächtnis, ich überlege wenn es wirklich nur ein Reh war?! Die Strecke ist wegen dir gesperrt, sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt und nachher war es nur ein Reh und wegen dir Frischling dieser ganzer Aufwand. Ich sah schon die Kündigung auf dem Tisch liegen. Eine mächtige, im Bauch spürbare Angst machte sich breit.

Wo bleiben die bloß?

Minute 45,

endlich Menschen mit Warnwesten sind in Sicht, 3 Menschen vom DRK. Ich helfe ihnen in den Zug. Urplötzlich standen alle Fahrgäste vorne, diese wurden aber sogleich von den 3 wieder weggeschickt.

Der Fahrdienst hat die Rettungskräfte fälschlicherweise zu einem falschen, 10km entfernt Tunnel geschickt. Diese sind dann, weil dort nichts war die Strecke abgefahren. So ihre Aussage.

Ich Schilderte und meldete Zweifel an, was ich meine da überfahren zu haben. Man könne ohnehin nicht in den Tunnel da man selber auch nur über kleine Taschenlampen verfüge. Man ruft die Feuerwehr hinzu die mal „was zum ausleuchten“ mitbringen sollen.

60 Minuten nach dem PU. Die Feuerwehr ist da

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( Feuerwehr kehrt aus dem Tunnel zurück )

2 der Sanitäter gehen mit der Feuerwehr in den Tunnel, einer muss bei mir bleiben. Ich höre leises flüstern „du bleibst beim schaffner, der steht unter Schock, nicht das der hier durchdreht“. Ich ärgerte mich, als Schaffner bezeichnet zu werden (als wenn es nix wichtigeres gäbe), hielt aber mein Mund.

Der junge Sani blieb bei mir, wir unterhielten uns über dies und das. Er meinte dann zu mir „Schade, ich wäre da gerne mit reingegangen.“ Ich ließ das unkommentiert.

70Minuten nach dem PU.

Ein Notfallmanager von DB Netz ist eingetroffen, zeitgleich mit 2 Polizisten von der Landespolizei. Es folgt das obligatorische Gespräch. Ich bin wieder alleine mit dem Sani.

75min nach dem PU.

Der Tunneltrupp kommt zurück, ich bekomme gesagt das meine Vermutung richtig war, es war ein Mensch. Mir entfuhr: „Gott sei dank!“ Man schaute mich schräg an. Meine Angst eben, wegen einem Reh hier so einen Aufstand gemacht zu haben….

1 1/2h nach dem PU.

Ich sitze immer noch auf dem Führerstand, mein Notfallmanager erscheint, mit ihm eine Person in Lila Warnweste, ein Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, er ersetzt ab jetzt den mit zur Seite gestellten Sani. Im Nachhinein muss ich sagen. DER MANN WAR SPITZE! Wie ein persönlicher Anwalt. Man entschließt den Zug zu „evakuieren“, dramatisch gesprochen für „Leute hier wegschaffen“. In 800m Entfernung ist ein Feldweg dort sollen wir alle hin. Ich sagte ich möchte nicht mit den Reisenden zusammen dort vor laufen, ich warte bis die weg sind. Man nörgelte aber der Man vom KiT sprang mir direkt zur Seite.

Kurz darauf kamen zwei Menschen in normaler Kleidung und Koffer über die Gleise getappt. Stiegen ein, „Guten Tag, Kripo“. Ich wusste das ich keine Aussage machen müsse, aber, ich hab ja nichts falsch gemacht. Einer der Beamten sagte „sie wissen doch das der Tunnel gerne als Abkürzung genommen wird von Wanderer“. Bevor ich aber nur irgendwas sagen konnte sprang der Mensch vom Kit dazwischen und sagte „das tut doch überhaupt nichts zur Sache, da hat keiner drin rumzulaufen, hören sie auf dem Lokführer Schuld einzureden“.

Letztendlich wollte die Kripo aber nur wissen ob den Kerl jemand geschubst hat, oder er es aus freien Stücken getan hat. Die Herren haben halt täglich mit so einem scheiß zu tun, da geht einem auch mal das Fingerspitzengefühl verloren.

Mittlerweile sind 2h vergangen, ich kann endlich das Fahrzeug verlassen, am Feldweg angekommen muss ich auf einer Sitzbank auf den Ablöser warten, während diesen nochmal 30min kommt ein Kripo Beamter zurück und fragt die Feuerwehr die dort ebenfalls wartet ob „man ein 10m Maßband hätte? – Der Typ hat sich da drinnen ganz schön verteilt und Mann müsse das ausmessen“

Ich merke wie der KiT Mensch auf mein Gesicht achtet, ich musste nur schmunzeln.

Der Ablöser ist da und begrüßte mich mit „nah, dein erster? Ich hab schon 5“. Auch hier wieder die musternden Blicke vom KiT. Ich nahm es ihm nicht übel, viele ältere Kollegen sind halt einfach so. Ich traf ihn übrigens rund 6 Monate später zufällig wieder. Er erzählte mir das die Strecke noch rund 2h gesperrt war, man suchte noch ein Bein und fand es nicht. Erst nach genauer suche fand man es in einem Drehgestell steckend….

Als er in Staudernheim auf die Abfahrt in die Werkstatt wartete (Fahrzeuge gehen nach einem PU automatisch in die Werkstatt), wären 4 Jugendliche gekommen, mit Knüppel. Ob er ihren Freund überfahren hätte. Er verneinte das wimmelte sie ab und rief dann umgehend die Polizei. Es stellte sich raus das die 4 sich an mir „rächen“ wollten.

Zu dem Zeitpunkt war ich aber schon daheim, zu meinem Auto wollte man mich nicht fahren, da die Notfallmanager die Anweisung haben mich in die Obhut von jemand anderem zu übergeben und nicht nur nach XY zu fahren.

Später Sa. Nachmittag, ich begrüße meine Frau bin emotional gefühlt neutral. Meine Frau wird mir später sagen das ich den ganzen Tag ein anderer Mensch war, nicht so das ich neben mir gestanden hätte sondern einfach „anders“.

Eine Krankmeldung muss her bis ich am Montag zum Durchgangsarzt der Eisenbahnunfall-Kasse kann, also auf ins örtliche Krankenhaus. Notfallambulanzen am Sa sind die Hölle, die Anmeldung begrüßte mich dementsprechend sie sagte was anderes, aber gemeint war „und was haben sie für wehwechen“. Aus mir fuhr nur „ich hab einen Mensch getötet und kann morgen nicht arbeiten gehen“. Die Dame hielt das vom Gesichtsausdruck für nen dummen Spruch (den ich mir hätte wohl auch verkneifen können) guckte mich genervt ein paar Sekunden an bis ich sagte „ja! IST HALT SO“. Meine Frau sprang ein und klärte das ganze auf, während ich den Raum schon wieder verärgert verlassen habe“.

2h Wartezeit folgten, die Ärztin die mich dann behandelte redete gefühlt mehr mit meiner Frau. Es fielen Sachen wie „aufpassen“ „immer noch Schockphase“ „wenn heute Nacht etwas ist sie können jederzeit wiederkommen“.

Auf dem Fußweg nachhause klingelte das Diensthandy „MENSCH, WO BIST DU!!! Du hast vor 20min einen Zug abzulösen gehabt in Mainz“ raunte es durch das Telefon. Man hatte wohl einfach vergessen mich im Computer auf Krank zu setzen.
Ein Kollege meiner Dienststelle ruft danach an. Was los wäre, wo ich bin, er fährt jetzt meinen Zug nach Oberstein. Ich steige gleich zu und fahr mit dir hoch, mein Auto holen, ich erzählt dir alles“. Und so fuhr ich noch am selben Tag erneut durch den Tunnel, ohne jegliche Regung.

Daheim angekommen, war ich froh das im Haus Stimmung war von meinem Feiernden Nachbarn, wegen dem ich ja heute überhaupt erst arbeiten gegangen war. Ein wenig Angst hatte ich ja schon von der Nacht, aber bis heute verfolgen mich keine Träume.

Sonntag, die Büro Etage ist geschlossen, keine Anrufe, ein Tag um zur Ruhe zu kommen. Die nächsten Tage waren Rückblickend die schlimmsten, ein komisch beklemmendes Gefühl. Eine Mischung aus „du hast Riesen scheiße gebaut“ und einem Schmerz den mal fühlt wenn man von jemandem verlassen wurde – irgendwie so in der Richtung. Man ist anwesend, funktioniert, aber kann über nichts Lachen o.ä. Ich hatte eine Radtour gemacht, 5h, teilnahmslos, nur die km runter gerissen.

Montags dann eine Reihe von Telefonate, mit dem Regionalmanager der sich zwischen den Zeilen wünscht das ich bald wieder Einsatzbereit bin (danke fürs Gespräch…) und meinem Teamleiter der mir, wenn ich möchte, ein Termin bei einer internen Psychologin macht die auf PU spezialisiert ist. Ich willigte ein.

Der Durchgangsarzt ( hauptsächlich ein Arzt für Unfälle ) selber war recht hilflos, die Anmeldung meinte nach meiner Schilderung auch nur „und was sollen wir da machen, ihnen fehlt ja nichts?!“. Wir verblieben das er mich krankschreibt und an meine Hausärtzin überweist, Psychologisch bin ich Betriebsintern versorgt.

Die Woche verging, ich hatte zum Glück Beschäftigung gefunden und soweit ging es mir Recht gut. Wenn da nicht ein Makel geblieben wäre, der auch meiner Frau recht schnell aufgefallen ist. Ich bin sehr schreckhaft gewesen. Einer dieser Situationen war als ich mit dem Auto durch einen kleinen 100m Tunnel gefahren bin und im Tunnel, dort untypisch, rechts ein Fußgänger ging. Die Reaktion war das ich hinter dem Tunnel anhielt und mich erst mal sammeln musste.

Die Psychologin, bei der ich dann auch einen Termin hatte meinte mein Hirn hätte eine Stresssituation erlebt und müsste jetzt lernen damit umzugehen. Das solche Reaktionen zZ (2W nach dem PU) noch ausgeprägt sind, ist normal bzw. sogar gut. Auch Sie bestätigte mir nochmal das es das beste war nicht in den Tunnel zu gehen. Im gesamten muss ich sagen das mir das 2h Gespräch SEHR geholfen hat, was ich selbst aber erst viel später realisierte. Im ersten Moment dachte ich mir „hättest dir auch sparen können“.

Nach knapp über 4 Wochen hatte ich dann wieder meiner erste Fahrt, unter Beisein von meinem Teamleiter. Es wurde bewusst die gleiche Strecke/Zug gefahren. Noch Monate danach ging mein Puls nach oben wenn es durch den Tunnel ging und es kribbelte in den Oberschenkeln. Irgendwo zwischen 50-100 Durchfahrten normalisierte sich das ganze dann aber.

Noch rund ein Jahr lang hatte ich mit Erinnerungen zu kämpfen, lustiger weise ausschließlich wenn wir Wochenends unterwegs waren und eigentlich Feiern wollten. Ob es am Alkohol lag? Oder an der dunklem Umgebung von Elektro Clubs? Wie auch immer, der ein oder andere Abend wurde dann frühzeitig weinend in den armen meiner Frau beendet. Irgendwann war das dann einfach weg.

Warum ich da weinte weiss ich nicht. Mitleid mit dem 21 Jährigen der wohl Tage zuvor auf dem Rotenfels stand und sich dort nicht traute zu springen, ist es nicht. Eher empfinde ich Spot und Hohn, wie man sein leben mit 21 wegen Liebeskummer beenden kann.

Geblieben ist, bis heute, eine Schreckhaftigkeit in Tunneln in Verbindung mit Personen, egal ob Straße/Schiene…..

5 Gedanken zu “Wie ich meinen ersten Personen Unfall erlebte

  1. Danke für diesen Text. „Krass“ beschreibt es ziemlich treffend. Nicht allein der PU, sondern auch, was man im Nachgang alles durchmachen muss. Ungeduldige Fahrgäste, der Rechtfertigungsdruck gegenüber des Fahrdienstes, wie scheinbar schlecht organisiert der Einsatz abgelaufen ist, Kripo, Gewaltandrohung Stunden später durch Personen am Tunnel, ein Arzt, der meint, man habe ja „nichts“.

    Es ist ja schon krass genug, dass man sich in diesen Momenten nicht nur mit sich selbst auseinandersetzen muss, sondern auch mit bspw. den Fahrgästen. Die können aber ebenso wenig etwas dafür und eine professionelle Reaktion ist, völlig nachvollziehbar, nicht von denen zu erwarten.

    Ich finde es aber sehr erschreckend, wie unprofessionell einige reagiert haben, obwohl sie in der Hinsicht beruflich bestens geschult sein und eventuell auch darin erfahren sein müssten. Wie kann es sein, dass der Fahrdienst versucht, dich rauszuschicken, dass die Polizei dich so unsensibel anspricht oder in deiner Nähe nach einem Maßband fragt und Details zum Unfallort erzählt. Ein Arzt, der nach so einem psychisch einschneidenden Erlebnis meint, dass man nichts habe, verursacht bei mir nur trauriges bis wütendes Kopfschütteln. Vielleicht wurde vor einigen Jahrzehnten die Psyche eines Menschen nicht mit der selben Sorgfalt wahrgenommen wie der physische Zustand, aber haben all diese Menschen in ihrer beruflichen Laufbahn nichts mehr dazugelernt?

    Deine, wie ich finde, sehr souveräne Reaktion zeigt aber, dass es in der Ausbildung sehr wohl auch eine gute Vorbereitung auf solche schwierigen Situationen gibt. Auch im Nachgang hast du ja positive Erfahrungen mit anderen Helfern gehabt.

    Offenbar gibt es noch in der Hinsicht von allen Seiten viel zu lernen, damit bei PUs professioneller gehandelt wird.

    Auch wenn der 21-Jährige sich einen der bescheuertsten Wege, insbesondere für seine Mitmenschen einen maximal verletzenden, herausgesucht hat, um sich das Leben zu nehmen, denke ich nicht, dass jemand so etwas allzu leichtfertig macht. Auch dahinter steckt vielleicht eine Biografie mit Problemen. Eine, bei der lange Zeit versäumt wurde, sich ihrer professionell anzunehmen. Vielleicht auch aus einem ähnlichen Grund, der mich wie oben beschrieben verärgert hat, dass Menschen und ihre psychischen Probleme bis heute nicht überall ausreichend ernst genommen werden. Sich für den Suizid auf den Gleisen zu entscheiden, ist eine Arschlochentscheidung, die Spott und Hohn verdient. Der Gedanke an den Suizid an sich verdient diesen Spott vielleicht nicht, sondern hätte vorher ganz im Gegenteil Hilfe aufmerksamer Menschen gebraucht.

    Und ein Zugführer, der für die Arschlochentscheidung eines Einzelnen und die Versäumnisse anderer absolut nichts kann, darf den ganzen Mist ausbaden. 😦

    Ich hoffe, dass du weiter Spaß an deinem Beruf hast und du wieder die Motivation dafür tanken kannst, die du ganz am Anfang hattest.

    Danke, dass du mit uns deine Erfahrungen geteilt hast.

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    1. Da will ich, warum auch immer, nicht „Lokführer“ schreiben und tippe gleich als Laie völligen Quatsch. Ich meine natürlich statt „Zugführer“ Triebfahrzeugführer (auch wenn du das auf der Strecke auch eventuell beides in einer Person warst?).

      Sorry.

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      1. Lokführer passt und hat keine negative konnotation. Fachlich korrekt würde es Triebfahrzeugführer heißen in diesem Falle aber dann tatsächlich Zugführer, da ich alleine an Board war. Im Nahverkehr gibt es sowas wie den Zugführer ( der mit dem roten Armband ) eher selten bis gar nicht.

        Ja, ich hab wieder jede menge Spaß an meinen Job und es blieb ja nicht die letzte Person die ich überfahren durfte. Man gewöhnt sich irgendwann daran.

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  2. Vielen Dank für den Beitrag. Ich saß mit feuchten Augen vor dem Bildschirm – das Ganze ist so schrecklich! Wenn man seinem Leben ein Ende setzen möchte, dann ist die „falscheste“ Entscheidung leider, noch andere mit rein zu ziehen. Schade, dass ihr – wie sagt man korrekt – Triebfahrzeugführer das immer wieder erleben müsst.

    Schön zu wissen, dass du es aber gut überstanden hast. Ich finde auch, dass du total souverän gehandelt hast, auch wenn ich von der Thematik keine Ahnung habe.

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